Melange mit Doppelmoral
Quirin Schröder im Grünen Steidl über Anpassung, Heuchelei und die Kunst des wienerischen Schulterzuckens
Kapitel 1 – Melange mit Heuchelei
Der Regen draußen tropft so unmotiviert gegen die Scheiben, als hätte er selber schon längst die Staatsbürgerschaft beantragt und warte bloß auf seinen Bescheid. Wien im Herbst, das is a eigenes Theater. Und mittendrin i: Quirin Schröder, der alte Sesselfurzer mit Herz aus Bleistiftmine und Zunge scharf wie eine rostige Büroklammer. Platz genommen hab i wie immer im „Grünen Steidl“, meiner geistigen Intensivstation.
Vor mir: der Marmortisch, kühl und abweisend, wie die österreichische Integrationspolitik. Links daneben: meine spitzen Bleistifte, säuberlich ausgerichtet, als wär i im Generalstab. Rechts: a kleine Melange, dampfend, bitter und schwarz wie die Erinnerung an vergangene Eroberungen.
„Na, Herr Quirin?“ Ober Franz schwebt daher, grantig wie ein frisch geschiedener Finanzbeamter, der den Unterhalt selber zahlen muss. „Schon wieda am Sudern?“
„Franz,“ sag i, „sudern is mei Religion. Und wie jede Religion brauch i an Tempel. Das Kaffeehaus is meiner. Heut hamma wieder einmal ein Thema, da kannst gleich mitsudern.“
Er zieht die Augenbrauen hoch, so elegant, dass sogar der Kronprinz Rudolf im Grab die Augen aufreißen würd. „Na, was hamma denn?“
„Die Leut da draußen“, sag i, „wollen den Zuwanderern vorschreiben, wie’s zu leben haben. Keine Burka, kein Kopftuch, keine eigen Kultur – am liebsten gleich mit’m Stempel: ‚Einheitliche EU-Standard-Bürger, bitte unterschreiben beim Magistrat.‘“
Franz lacht trocken, wie ein alter Aktenschrank, der seit Jahren klemmt. „So samma halt. Wenn uns was fremd is, dann soll’s bittschön aufhören, fremd zu sein.“
Ich nehm einen Schluck Melange. „Ja, nur die Vergesslichkeit is halt a Hund. Noch vor kurzem san die gleichen Leut stolz durch die Gegend marschiert und haben ‚Vielfalt‘ geschrien. Bio-Kuskus im Beutel, indische Saris am Gürtel und bei jeder Gelegenheit betont, wia spannend fremde Kulturen doch san. Aber kaum kimmt der Nachbar mit’m echten Kopftuch ums Eck, wird die G’schicht fad.“
Am Nebentisch rührt ein alter Herr im Verlängerten, als wär er der Dirigent vom Wiener Philharmoniker-Chaos. Ich stell mir vor, wie er plötzlich aufspringt und ruft: „Jawohl, wir hamma die Türken belagert, aber im Kaffeehaus hams uns dann schmecken lassen!“ Aber er schweigt. Wahrscheinlich is er eh noch beleidigt, weil der Apfelstrudel von heut zäh is.
Ich kritzel was ins Notizbuch. „Weißt, Franz,“ murmel i, „das Absurde is: Mitteleuropa hat Jahrhunderte lang nix anders g’macht, als mit Schwert und Bibel in fremde Länder einzufallen. In Afrika, in Amerika, in Asien. Und immer war’s dieselbe Leier: Unsere Kultur, unser Glaube, unsere Kleiderordnung – nehmt’s, fresst’s, und wehe, ihr widersetzt euch.“
Franz stellt mir ein Glas Wasser hin, wie ein stilles Amen zu meiner Predigt. „Jo eh,“ sagt er, „und jetzt sind die Rollen halt umgkehrt. Die kemman zu uns, aber mit’m Unterschied: Die san ned mit Kanonenboote da. Sondern mit der U-Bahn.“
Ich nick. „Genau das is ja der Punkt. Wir woll’n, dass sie sich anpassen, aber vergessen, dass wir selber nie irgendwo uns angepasst haben. In Mexiko haben wir den Leuten ihre Tempel eingerissen, in Afrika die Sprachen z’samm’g’stampft, und in Indien hamma Tee getrunken, bis uns schlecht war – aber den Turban hamma sicher ned aufgesetzt.“
Am Fenster vorbei schleppt sich a Gruppe Touristen, bunt verpackt in Regenponchos, die ausschauen wie eingeschweißte Tiefkühlhenderln. Ein Kind bleibt stehen, starrt rein, als wär i a Exponat im Naturhistorischen Museum: „Papa, was macht der Mann mit den Bleistiften?“ – „Der dokumentiert den Untergang vom Abendland, Spatzi.“
Ich grins in mei Melange. „Schau, Franz, genau da liegt die Heuchelei. Wir feiern uns selber für die eigene Kultur, für den Wiener Schmäh, für die Sachertorte, für Mozartkugeln. Aber wehe, die anderen bringen ihre Symbole mit. Dann wird’s gefährlich. Dann is der Nachbar plötzlich a Fundamentalist, nur weil seine Frau a Tuch am Kopf trägt.“
Franz lehnt sich zurück, Hände hinterm Rücken, der lebende Beweis, dass Geduld a Beruf is. „Na ja,“ sagt er, „es geht halt nix über die eigene Doppelmoral. Ohne die wär der Wiener grantig.“
Die Tür geht auf, a Schwall kalter Luft. Eine junge Frau im Hijab tritt ein, setzt sich zwei Tische weiter, bestellt leise an Tee. Keiner schaut lang hin, nur a paar Augenbrauen gehen hoch wie Schranken. Und i denk mir: Willkommen in Wien, Stadt der Schmähführenden, der Heuchler, der Melange-Trinker.
Ich tipp mit meinem Bleistift an den Rand vom Marmortisch, jeder Schlag ein stiller Trommelschlag für die Heuchelei, die uns täglich serviert wird – mit Zucker, Schlagobers und einer Portion Geschichtsvergessenheit.
Kapitel 2 – Kanonenboote und Kaffeebohnen
Die Melange vor mir is inzwischen kalt, schmeckt wie verflüssigter Kirchenchor. Aber kalt oder heiß, das Thema brennt trotzdem.
„Franz,“ sag i, „weißt du eigentlich, warum wir überhaupt Kaffee trinken?“
Er zieht eine Augenbraue hoch, so geschmeidig wie a Opernsänger beim hohen C. „Weil ohne Koffein die ganze Stadt in Depression versinkt?“
„Auch,“ geb i zurück. „Aber eigentlich war’s nix anderes als a Nebenprodukt von Eroberung, Kanonenboot und Geschäftsmodell. Die Türken haben uns den Kaffee quasi ins Gesicht g’schleudert, nach der Belagerung. Was haben wir gemacht? Ham uns die Bohne g’krallt, sie europäisiert, und daraus a Wiener Kulturgut gebastelt. Seitdem glauben wir, die Melange sei so wienerisch wie der Stephansdom. Dabei is sie nix anderes als Importware mit Schlagobers.“
Franz grinst, legt die Hände auf die Schürze. „Na, aber wenigstens haben wir’s verfeinert. Mit Kipferl dazu.“
„Genau!“ ruf i. „Das is der Punkt! Wir nehmen, was uns taugt, pressen es durch unsere Mühle und machen’s zur eigenen Spezialität. Aber wehe, es passiert uns umgekehrt! Wenn heut wer mit seinem Kopftuch oder seiner Musik kommt, schrei’n wir gleich: ‚Des is ned unsers! Assimilation!‘ Dabei – was hamma wir in Amerika gemacht? Die Völker dort haben wir missioniert, getauft, in Uniformen g’steckt. In Afrika hamma ihnen erzählt, dass ihre Trommeln Teufelswerk sind und stattdessen die Orgeln g’schleppt. Und Religion? Mei, die war immer der Panzer, hinter dem wir uns versteckt haben.“
Ein Pärchen am Nebentisch tuschelt, sie mit Dauerwelle, er mit Regenmantel. Ich hör nur Bruchstücke: „Integration… unser Sohn… Schule…“ – so harmlos klingt’s, wenn man’s im Kaffeehaus diskutiert. Draußen aber, auf der Straße, wär’s eine Schlagzeile.
„Schau, Franz,“ sag i leiser, „unsere Vorfahren ham nie gefragt: ‚Darf i mein Kreuz aufstellen, passt euch das eh?‘ Sie ham’s einfach gemacht. Mit Feuer und Schwert. Und wenn einer widersprochen hat – zack, hat er Bekanntschaft mit’m Schwert g’macht. Und heut, da kommen Leut ned mit Kanonen, sondern mit Familien, mit Plastiksackerln, mit Hoffnung. Aber wir stell’n sie hin, als wär’s die zweite türkische Belagerung.“
Franz nickt langsam, als würd er die Worte in seinen Kopf stapeln wie Teller in der Küche. „Na ja, Herr Quirin, ohne a bissl Selbstvergessenheit tät ma vielleicht die Melange ned so genieß’n.“
Ich lache schnaubend. „Vergessen is unser Nationalsport. Wir vergessen, dass die Spanier in Südamerika Tempel eingerissen haben wie wir in Wien alte Gründerzeithäuser. Wir vergessen, dass die Engländer in Indien Millionen Menschen verhungern ließen, während sie ihre Teekultur pflegten. Wir vergessen, dass unsre eigenen Habsburger aufm Balkan net grad als Kulturversteher aufgefallen san.“
Der Regen draußen wird stärker, rinnt die Scheiben runter wie Krokodilstränen der Geschichtsbücher.
„Und jetzt?“ Ich stoß mit’m Bleistift gegen das Glas Wasser, das Franz mir gebracht hat. „Jetzt sitzen wir da, saufen unsere koloniale Melange, stopfen uns Sachertorte rein, und tun so, als wär der Fremde ein Problem. Dabei is alles, was uns so wahnsinnig ‚österreichisch‘ vorkommt, eigentlich nix anderes als a Mischmasch aus fremden Einflüssen. Ohne Osmanen kein Kaffee, ohne Italiener kein Barock, ohne Böhmen keine Knödel. Wir sind ein kultureller Eintopf, Franz – aber beschweren uns, wenn einer a neues Gewürz reinwirft.“
Franz lacht leise, ein tonloses „Hmpf“. „Oida, wennst des so sagst, schmeckt ma fast die Heuchelei im Kaffee.“
„Eh klar,“ sag i. „Geschichte is a Filterkaffee: Was dir passt, behalt’st, was ned passt, schmeißt weg. Aber irgendwann bleibst auf der bitteren Note sitzen. Und genau die spür i grad.“
Am Fenster läuft ein Mann vorbei, in einem Kaftan, das Handy am Ohr, redet lauter als nötig. Zwei Passanten drehen sich um, schütteln die Köpfe. „So geht das net“, murmelt einer. Aber genau so ging’s immer: Wir haben unsere Lieder, unsere Sprache, unsere Gebräuche überallhin getragen – nur jetzt, wo andere das tun, gilt’s plötzlich als Bedrohung.
Ich lehne mich zurück, spitz meinen Bleistift neu, der Span shält sich wie eine Spirale der Heuchelei.
„Franz,“ sag i, „am End is es wurscht, ob Kopftuch, Burka oder Lodenmantel. Die wahre Uniform, die wir alle tragen, is die vom Vergessen. Und die sitzt uns verdammt gut.“




